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Die Zukunft des Braunschweiger Gasnetzes

Hinweis: Einen Rückblick zu dieser Veranstaltung findet ihr weiter unten.

Veranstaltung am Dienstag, 23.9.2025 19:00-21:00 Uhr im Haus der Wissenschaft

Das Thema „Preisentwicklung beim Heizen mit Erdgas“ ist nicht nur für Betreiber und Kommune wichtig, sondern auch für Immobilienbesitzer:innen und Mieter:innen.
Daher erachten wir eine Informationsveranstaltung zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen in Niedersachsen (Gasausstieg bis zum Jahr 2040) für erforderlich.

Dr. Ing. Stella Oberle promovierte 2023 mit der Dissertation »Die Rolle der Gasverteilnetze im Energiesystem der Zukunft in Deutschland«. Sie gibt uns einen Überblick über eine mögliche Zukunft der Gasnetze.

NEU: Auch Herr Freitag, Vorstandsvorsitzender von BS Energy, wird sich mit einem kurzen Vortrag beteiligen!

Folgende Aspekte möchten wir außerdem beleuchten:

Rechtliche Situation
Vielen Eigentümer:innen ist nicht bewusst, dass das Heizen mit Erdgas ab dem Jahr 2040 nicht mehr erlaubt sein wird. Mit Blick auf die Lebensdauer einer Heizung wird deutlich, dass Wissen heute notwendig ist um eine kosteneffiziente Entscheidung für die Zukunft treffen zu können.

Soziale Aspekte
Wohnkosten belasten mehr und mehr Menschen. Im Jahr 2022 waren 25,2% der Menschen in Deutschland von Energiearmut gefährdet. Unkalkulierbare Heizkosten und nicht vorausschauende Entscheidungen von Vermieter:innen und Wohnungsunternehmen können diese Situation verschärfen.

Rückblick

Die Veranstaltung, organisiert von der Ortsgruppe Braunschweig von GermanZero in Kooperation mit dem „Green Office“ und der Klimaschutzagentur, beleuchtete die zukünftige Rolle der Gasnetze, die rechtlichen Rahmenbedingungen für Heizungen und die strategischen Herausforderungen für lokale Versorger. Im Zentrum stand die Spannung zwischen Klimaschutzzielen (Klimaneutralität 2045 bzw. in Niedersachsen 2040), wirtschaftlicher Tragfähigkeit der Netze und sozialer Verträglichkeit.

1. Vortrag: Die Rolle der Gasverteilnetze und Stilllegungsszenarien

Referentin: Dr. Stella Oberle (Themenfeld Integrierte Energieinfrastrukturen)

Dr. Oberle analysierte die wirtschaftliche und strukturelle Situation der Gasnetzbetreiber in Deutschland:
Ausgangslage: Es gibt ca. 700 Gasnetzbetreiber mit über 550.000 km Leitungen. Die Netze sind im Schnitt 29 Jahre alt, bei ursprünglichen Abschreibungsdauern von 45–65 Jahren. Derzeit werden noch ca. 1 Milliarde Euro jährlich in den Ausbau investiert.
Nachfrageentwicklung: Szenarien zeigen einen drastischen Rückgang der Gasnachfrage bis 2045, insbesondere im Gebäudesektor. Wasserstoff wird primär für die Industrie erwartet; für die Gebäudewärme gilt er wissenschaftlicher Konsens als weder kosteneffizient noch technisch sinnvoll.
Das Kostenproblem: Sinkt die Nachfrage, müssen die Fixkosten für den Netzbetrieb auf weniger Nutzer umgelegt werden, was zu einer „spiralförmigen“ Erhöhung der Netzentgelte führt. In einem „Weiterbetrieb-Szenario“ könnten die Entgelte exponentiell steigen (im Beispiel auf 45 Cent/kWh), was für Verbraucher untragbar wäre.
Lösungsansatz Geordnete Stilllegung: Eine aktive, geordnete Rückbauplanung ist sowohl für den Betreiber (geringere Verluste) als auch für die Kunden (niedrigere Entgelte) wirtschaftlich vorteilhafter als ein abwartendes Verhalten.
Regulatorischer Bedarf: Aktuell herrscht noch Anschluss- und Ausbaupflicht. Erst wenn ein Rückgang der Nachfrage nachgewiesen wird, dürfen Netzbetreiber Planungen zur Stilllegung vorlegen (vorgesehen durch Umsetzung eines EU-Pakets bis nächstes Jahr). Dr. Oberle warnte davor, zu warten, bis diese Pflicht greift, da dies automatisch zu einer „ungeordneten“ und teuren Stilllegung führe.

2. Vortrag: Rechtliche Rahmenbedingungen und Soziale Aspekte

Referentin: Ina Lüsse (GermanZero Braunschweig)
Frau Lüsse fokussierte sich auf die Situation der Hausbesitzer und die sozialen Folgen der Energiewende:

  • Status Quo in Braunschweig: 52 % der Haushalte (ca. 75.000) heizen mit Erdgas. Bei einer durchschnittlichen Heizungslebensdauer von ca. 20 Jahren stehen in den nächsten Jahren bei etwa 25.000 Haushalten Erneuerungen an.
  • Gesetzeslage (GEG):
    • Bestehende funktionierende Heizungen dürfen bis Ende 2044 weiter mit 100 % fossilen Brennstoffen betrieben werden.
    • Neue Heizungen: Ab 2024 (bzw. bis zur kommunalen Wärmeplanung 2026) gelten Übergangsfristen. Ab 2029 müssen neue Heizungen 15 % Erneuerbare integrieren, ab 2030 30 %, ab 2040 60 %.
    • Ab dem 30. Juni 2026 (sobald die kommunale Wärmeplanung steht) gilt grundsätzlich die 65 %-Erneuerbaren-Pflicht für neue Heizungen.
    • Ziel ist Klimaneutralität der Gebäude bis 2045 (national) bzw. 2040 (europäisches Ziel/Niedersachsen).
  • Soziale Dimension: Steigende Energiepreise treffen einkommensschwache Haushalte überproportional (2022 waren 25 % von Energiearmut betroffen). Dies führt zu schwierigen Abwägungen zwischen Heizen, Essen und Gesundheit sowie zu sozialer Isolation. Eine geplante Kommunikation über den Netzausbau bzw. -rückbau ist essenziell, um Planungssicherheit zu geben und Härten zu vermeiden.

3. Diskussion und Position der lokalen Versorger

Referent: Herr Freitag (Vorstandsvorsitzender von BS Energy)
Herr Freitag erläuterte die praktische Umsetzung und die Dilemmata aus Unternehmenssicht:
Netzausbau Strom: Der massive Ausbau von Wärmepumpen und E-Mobilität erfordert gleichzeitig einen enormen Ausbau der Stromnetze, der mit dem aktuellen Tempo kaum mithalten kann.
Strategie: Das Unternehmen setzt auf einen Mix aus Wärmenetzausbau, Biomasse und Power-to-Heat. Das Ziel ist ein CO2-neutraler Wärmemix (aktuell bereits 70–30 % erneuerbar im Netz).
Gasnetz-Strategie: Es findet keine aktive Erneuerung des Gasnetzes mehr statt, sondern nur noch Instandhaltung zur Sicherheit (ca. 4 Mio. €/Jahr). Das Netzalter liegt im Schnitt bei 25 Jahren.
Wasserstoff: Die Haltung ist skeptisch bezüglich der Verteilung ins Haus. Es gibt keine Investitionen in wasserstoffbereite Hausanschlüsse, da die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff für die Breite unklar und die Umrüstung der Netze (Armaturen, Dichtungen) teuer ist. Das neue Gaskraftwerk wurde jedoch „wasserstoffready“ gebaut in der Hoffnung auf Anbindung an das Kernnetz (Richtung Salzgitter/Wolfsburg).
Herausforderungen:
Finanzierung: Der Umbau der gesamten städtischen Energieinfrastruktur auf Klimaneutralität wird auf ca. 900 Millionen Euro geschätzt. Hier fehlen klare Förderstrukturen und Investitionsanreize durch die Regulierungsbehörde.
Rechtlicher Zwang: Es besteht kein Anschlusszwang an Fernwärme; Kunden können auf Gas bestehen, was eine parallele Vorhaltung zweier Netze (Gas und Wärme) über Jahrzehnte erfordert und extrem kostspielig ist.

Fazit der Veranstaltung

Die Diskussion machte deutlich, dass ein „Weiter so“ im Gasnetz aufgrund steigender Netzentgelte und sinkender Nachfrage wirtschaftlich nicht tragfähig ist. Alle Akteure sind sich einig, dass eine geordnete Stilllegung bzw. ein strukturierter Rückbau der Gasnetze notwendig ist, der jedoch aktuell durch gesetzliche Anschlusspflichten und unklare regulatorische Rahmenbedingungen (z. B. Anerkennung von Stilllegungskosten, Wasserstoff-Strategie) erschwert wird. Besonders betont wurde die Notwendigkeit, die soziale Verträglichkeit im Blick zu behalten, um Energiearmut zu verhindern.